Fremde Welten

Oder: Was sucht der Elefant in Oberfranken?

Man könnte Ihn gewissermaßen als Reise-Mitbringsel aus einer bisher fremden Welt an einen Ort betrachten, der bis dato nur von Kühen, Schweinen und Hühnern bewohnt worden war.

In Kiswahili, das in weiten Teilen Ostafrikas gesprochen wird, heißt der Elefant Tembo und wurde dadurch zum Namens-Patron des Cafe Tembo, durchaus ein interessantes Wortspiel für fränkische Dialektsprecher.

Relativ unerwartet und ebenso unvorbereitet begleitete ich im Februar 2007 unsere Tochter Elisabeth auf eine schulisch bedingte Reise nach Kenia und fand mich dort recht unerwartet mit neuen Herausforderungen aber ebenso vielem Altvertrautem wie Kühen, Hühnern und Kartoffeläckern konfrontiert.

Inspiriert durch die Lektüre von Frank Schirrmachers „Das Methusalem-Komplott“ entschloss ich mich nach einigem Zögern dazu, diese Herausforderung mutig anzunehmen, gehöre ich doch zu dem berüchtigten 1964er Jahrgang, dem geburtenstärksten nach Ende des zweiten Weltkrieges.

„…Es ist vorbei mit der unbestrittenen Herrschaft der Jugend über das Alter. Aber es ist auch vorbei mit dem klassischen Altenteil. …Sich selbst zu einem Sterblichen machen, bedeutet, dass man lernt, als ein sterbendes Geschöpf zu leben, oder genauer: es bedeutet zu lernen, wie man die eigene Sterblichkeit zur Grundlage seiner Beziehung zu denen macht, die das Leben weitertragen werden, aber auch zu denen, die schon gestorben sind…“

Tja – harte Worte, aber dennoch wahr. Zum Glück gibt es ja auch noch andere weisheitsvolle Lektüre, so zum Beispiel die von Manfred Spitzer oder anderen Spezialisten der neueren Gehirnforschung, die zunehmend zu der Erkenntnis kommen, dass Lernen bis ins hohe Alter hinein möglich ist, wenn auch langsamer und anders.

Und so findet sich in dem Werk „Lernen“ von oben genanntem Autor auch folgende inspirierende Untersuchung über Elefanten:

„…Die deutlich überlegene Fähigkeit der älteren Tiere zur Unterscheidung von Freund und Feind hat Vorteile für die Mitglieder der Familie. Sie verschwenden weniger Zeit mit Abwehrverhalten gegenüber bekannten Familien und können rascher kooperieren. Je älter das weibliche Leittier, desto mehr Nachkommen hatten die jungen weiblichen Tiere der Gruppe pro Jahr. Die Studie ist insbesondere deswegen von hohem Wert, da sie lang gehegte Spekulationen über den Wert des Alters auf eine solide Datenbasis stellt. Durch die genaue Analyse des Sozialverhaltens einer Spezies, die eine ganze Reihe von Merkmalen mit der Spezies Mensch gemeinsam hat, wurde der Wert der über eine ganze Lebensspanne erworbenen sozialen Erfahrung direkt nachgewiesen: Das vom ältesten Tier über Jahrzehnte gespeicherte Wissen dient der gesamten Gruppe und steigert hochsignifikant die Anzahl der Nachkommen jedes einzelnen Gruppenmitglieds und damit den Reproduktionserfolg. Damit ist klar, dass Mutationen, die für ein Älterwerden gerade der weiblichen Tiere sorgen, einen Reproduktionsvorteil darstellen können. Dieser Vorteil ist auch dann noch vorhanden, wenn das leitende weibliche Tier selbst keine Nachkommen mehr haben kann. Es ist die über ein langes Leben gespeicherte soziale Erfahrung, die ein Individuum für die Gruppe so wertvoll macht…“

Diese Anregung gilt gleichermaßen für meine Arbeit in Kenia als auch für die Neugestaltung des elterlichen Bauernhofes und sie mag als Erklärung dafür dienen, was der Elefant in Oberfranken sucht. Und bei näherem Hinsehen läßt sich vielleicht auch erkennen, dass sich auf den ersten Blick fremde Welten oft ähnlicher sind als wir meinen. Und dass wir auch über unsere unmittelbare Heimat hinaus Verantwortung zu tragen haben.